Neben ambitionierten Zeitplänen, stellt sich für mich in vielen Projekten eine ganz grundlegende Frage: ist das Projekt überhaupt "arbeitsfähig"?
Für mich steht dabei nicht zuerst die Frage im Vordergrund, ob Menschen „mehr Einsatz zeigen“ oder „ihr Selbstmanagement verbessern“ sollten. Beides kann sinnvoll sein, aber erst dann, wenn die Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass konzentriertes Arbeiten und gute Entscheidungen überhaupt möglich sind.
Fünf Rahmenbedingungen sind in meinen Augen besonders wichtig:
1️⃣ Umgang mit ambitionierten Zielen und Fixterminen: Viele Projekte starten spät, unter hohem Druck – oder haben aus guten Gründen einen festen Endtermin. Die Frage ist für mich weniger: „Ist der Plan in der Idealwelt realistisch?“, sondern: Wie schneiden wir Scope und Vorgehen so zu, dass bis zum fixen Termin ein tragfähiges Ergebnis entsteht – und nicht ein erschöpftes Team mit einem halbfertigen Produkt?
2️⃣ Klare Entscheidungswege: Wer entscheidet was – und bis wann? Wenn Entscheidungen immer wieder vertagt werden oder auf inoffiziellen Wegen getroffen werden, blockiert das Fortschritt und erzeugt unnötigen Stress.
3️⃣ Fokus statt Dauerunterbrechung: Wer seine Projektarbeit nur in kleine Restzeiten zwischen Meetings und Tagesgeschäft quetschen kann, arbeitet permanent im Reaktionsmodus und nicht an den wirklich wichtigen Themen.
4️⃣ Kognitive Erholung: Komplexe Entscheidungen brauchen ein belastbares Gehirn. Wenn Erholung nur als individuelles Thema betrachtet wird, aber im Projekt nie mitgedacht wird, leidet die Denkqualität und zwar lange bevor die Menschen „ausfallen“.
5️⃣ Kohärente Erwartungen: Wenn offiziell A priorisiert wird, aber informell B immer „dringender“ ist, entsteht ein permanenter Zielkonflikt. Menschen verlieren Orientierung und irgendwann auch Vertrauen.
Wenn mehrere dieser Punkte dauerhaft verletzt werden, ist das Projekt aus meiner Sicht nicht „herausfordernd“, sondern strukturell nicht arbeitsfähig. Dabei ist es egal, wie kompetent und engagiert die beteiligten Menschen sind. Die gern zitierte "Extrameile" ist dann nicht produktiv, sondern stützt lediglich eine Struktur, die für ein erfolgreiches, gutes Projekt hinderlich ist.